Austausch andersrum

Erster Spanier nach Deutschland vermittelt Neuenkirchen-Vörden / Wahlde. Erst wird Leim auf das Stück Jute gepinselt, dann werden die Holzstäbchen eingewickelt: Arturo Sanchez sitzt in der Holzwerkstatt der Hofgemeinschaft Wahlde und begleitet die Bewohner beim Handwerken: „Kaminanzünder“, ein schweres Wort für den 17-Jährigen Spanier, das er aber mittlerweile problemlos über die Lippen bringt. Für vier Wochen hat er bei dem Verein Lichtblick ein Praktikum gemacht.

Kalter Schnee und warme Herzen
Arturo Sanchez ist erster Praktikant aus Spanien bei der Hofgemeinschaft Wahlde
Erster Spanier nach Deutschland vermittelt
Neuenkirchen-Vörden / Wahlde. Erst wird Leim auf das Stück Jute gepinselt, dann werden die Holzstäbchen eingewickelt: Arturo Sanchez  sitzt in der Holzwerkstatt der Hofgemeinschaft Wahlde und begleitet die Bewohner beim Handwerken: „Kaminanzünder“, ein schweres Wort für den 17-Jährigen Spanier, das er aber mittlerweile problemlos über die Lippen bringt. Für vier Wochen hat er bei dem Verein Lichtblick ein Praktikum gemacht.
Über den in Belm ansässigen Verein Horizon International hat Arturo das Praktikum bei der Einrichtung für Menschen mit Behinderung bekommen. Horizon International vermittelt Praktika für Schüler ab 16  und Studenten ins Ausland. Es ist eine Premiere für alle Seiten: Arturo war noch nie alleine in Deutschland, die Hofgemeinschaft hat erstmals ausländische Praktikanten und der Belmer Verein hat nicht nur deutsche Schüler nach Frankreich, England, Kanada, Israel oder Südafrika vermittelt, sondern drei Briten und drei Spanier an deutsche Betriebe geholt: „Horizon International vermittelt  Praktika  nun schon über ein Jahrzehnt.“ berichtet Projektleiterin Gabriele Ould-Ali. Der Verein hat mittlerweile Mitarbeiter im Ausland, die bei Bedarf Ansprechpartner für die deutschen Praktikanten sind und sich zugleich um die Pflege des Netzwerkes kümmern: „Immerhin kennen und vermitteln wir in über 80 Betriebe und Gastfamilien, so können wir auch flexibel auf die zeitlichen Vorstellungen der Schüler und Studenten  eingehen. Sprachenlernen, Auslandserfahrung, Abitur nach acht Jahren, so mancher junge Mensch kommt da auf die Idee, ein Praktikum im Ausland zu machen. Die Möglichkeiten sind auch für Sommer und Herbst  noch vielfältig, Plätze gibt es zum Beispiel  auch noch als Familienassistentin in Kanada, in einem Kibbuz in Israel oder einem Jugendzirkus in Frankreich: "Bald  anmelden und bewerben ist immer gut", empfiehlt Gabriele Ould-Ali.

Mit „Generation Praktikum“, wie das Ausnutzen von jungen Menschen im Wirtschaftsgetriebe auch bezeichnet wird,  hat die Hofgemeinschaft nicht viel am Hut. Es ist eher ein Geben und Nehmen, behutsam Erfahrungen auf unbekanntem Terrain sammeln: Bis zu fünf Praktikanten begleiten die Bewohner der Hofgemeinschaft in ihrem Alltag. Heim- und Werkstattleiter Günter Meier freut sich über die Anfragen aus Schulen oder von Studenten. Er findet es spannend für die jungen Menschen, wie sie von den 28 Bewohnern mit unterschiedlichen Behinderungen lernen können: „Die Praktikanten kommen mit 18, 19, 20 Jahren hierher und bekommen dann einen Kick.“ „Aufwacherlebnis“ nennt Günter Meier das: „Sie verliere die Scheu im Umgang  mit Menschen mit Behinderung. Sie können erfahren, dass sie genauso Emotionen erleben wie wir.“ Nach drei Wochen könne man schon einen Entwicklungsprozess beobachten. Er bittet die Praktikanten zu Beginn ihres Praktikums, sich ihre ersten Eindrücke zu merken: „Wenn ich dann zum Abschluss nochmal frage, wie sie ihren Aufenthalt bei uns reflektieren, dann haben sich die Ängste und Zurückhaltung verwandelt.“

Für Arturo war besonders die Sprache eine Herausforderung. Zwar lernt er schon seit der ersten Klasse Deutsch, aber da einige der Bewohner viel Unterstützung bei der Kommunikation brauchen, ist stetiges Nachfragen geboten. Durch die Wiederholung prägen sich Vokabeln deshalb besonders gut ein: „Ich wollte immer schon lieber Deutsch lernen als Englisch“, meint Arturo. Das funktioniere bei der Arbeit nebenher ganz gut, wie auch Justin Weitkamp bestätigt: „Wir haben hier viel Spaß zusammen!“ Der 26-Jährige aus Stemwede-Levern besucht seit 2012 die Hofgemeinschaft Wahlde. Arturo hilft ihm beispielsweise an seinen Arbeitsplatz und  unterstützt bei der Handhabung von Werkzeugen. In echter Teamarbeit entstanden so ein Insektenhotel, geschnitzte Elche zu Weihnachten oder hölzerne Osterhasen. Wenn Arturo nach vier Wochen wieder abreist, wird er eins nicht vermissen: „Der Schnee war zu viel für mich.“Er fügt überzeugt hinzu: „Aber die Menschen haben hier warme Herzen!“


Arturo (links) fühlt sich beim Verein Lichtblick in Wahlde bei Damme sehr wohl.